“Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel.” Als Jesus das vor 2000 Jahren in der Bergpredigt gesagt hat, muss er geahnt haben, dass die beim S04 eher heidnischen Riten huldigen.

Rekapitulieren wir kurz die Ereignisse: Am Samstag vor dem Auswärtsspiel gegen Mainz erfuhr die geneigte Öffentlichkeit, dass Verein und NRW-Polizeiminister Ralf Jäger ihre Streitigkeiten in einer angeblich gemeinsamen, aber doch sehr einseitigen Erklärung beigelegt haben. Das jedoch ändere nichts an der Haltung des Vereins, betonte der Verein auf Anfrage des SCHALKE UNSER (vollständiges Interview): Der Vorstand habe “explizit erklärt, dass er die inhaltlichen Punkte seiner Kritik NICHT zurücknimmt, sondern aufrecht erhält – lediglich die Art und Weise, in der sie geäußert wurde, ist verbesserungsfähig.”

Schade nur, dass das außer dem SCHALKE UNSER sonst kein Medium in dieser Deutlichkeit erreicht hat. Es wäre unserer Meinung nach nicht verkehrt.

Am Mittwoch darauf. beim Spiel gegen Bukarest, hingen die Ultras Gelsenkirchen (UGE) eine Fahne mit “(Einsatzleiter) Sitzer absetzen” an ihr Podest. Daraufhin forderte der Verein sie auf, diese abzuhängen. Vielleicht wurde ihnen dabei ein guter Grund nicht vermittelt. Wir wissen ihn nämlich Tage später trotz zahlreicher Nachfragen – s.u. – auch immer noch nicht.

Nun ist uns aber allen noch gut in Erinnerung, wohin es führt, wenn man Fahnen ohne vernünftige Begründungen aus dem Stadion entfernen möchte. Dem Verein ist das nach eigenem Bekunden bewusst gewesen: Es habe “Gespräche und Vereinbarungen” gegeben, “keine Anordnungen oder Forderungen. Die Begründungen wurden gegenseitig sauber dargelegt” .

Immerhin, Schlagstock und Pfefferspray kamen wegen dieser Fahne diesmal nicht zum Einsatz. Aber doch “Repressionen”, von denen die UGE schreiben. Offensichtlich ist die Botschaft “Die Begründungen wurden gegenseitig sauber dargelegt” bei den UGE nicht so richtig angekommen – oder nicht in der angemessenen Deutlichkeit vermittelt worden.

Der Verein beeilte sich nicht gerade, dem SCHALKE UNSER Tage später zu versichern: “Repressionen gab es keine, wenn überhaupt nur eine veränderte Handhabung von Sonderrechten wegen nicht eingehaltener Absprachen. Das finden wir übrigens sehr schade.”

Nur: Der Entzug von Privilegien ist genau das. was hier bestritten wird, eine “Repression”. Der Vergleich hinkt, weil die UGE wahrlich nicht am Tropf des Vereins hängen, sondern eher Zeit und Geld für den Verein opfern, aber wenn die Eltern bei einem Fehlverhalten des Kindes ihm das Privileg des Taschengelds streichen, ist das wohl kaum als Belohnung für ein Wohlverhalten zu deuten. Sondern eher eine elterliche “Repression”.

Aber warum musste denn jetzt die “Sitzer absetzen”-Fahne weichen? Der Verein nennt “interne Absprachen” als Grund und will nicht weiter ins Detail gehen. Das akzeptieren wir, denn Interna anderer Gruppen gehen uns und auch sonst niemanden etwas an. Dabei verneint der Verein auf unsere Anfrage eine naheliegende Vermutung: “Es besteht kein Zusammenhang mit der Jäger-Vereinbarung.”

Nun ist aber die Forderung “Sitzer absetzen” nicht nur eine der UGE, sondern auch des Supporters Clubs, von 2000 Demonstranten und nicht zuletzt auch der Schalker Fan-Initiative e.V. Da wüssten wir schon gerne, ob wir denn die Fahne hinhängen dürften, denn einschlägige “interne Absprachen” mit uns sind uns bisher nicht mitgeteilt worden. Die Antwort des Vereins: “Bei Beachtung der Stadionordnung sowie der Grundsätze von Recht und Gesetz ist grundsätzlich jede Meinungsäußerung zulässig.”

Was bitte sollen wir denn damit anfangen? Starten wir doch die Exegese, wo wir gerade so schön biblisch um Goldene Kalb eiertanzen: Gegen die Fahne sprechen “interne Absprachen”, die “Stadionordnung” findet in der Antwort keine Erwähnung. Also scheint grundsätzlich nichts gegen so eine Fahne zu sprechen. Vermuten wir jetzt einfach mal. Zu einem klaren “Ja” hat sich der Verein nicht durchringen können. Oder wollen. Es scheint immer dann ein verbaler Eiertanz mit Nebelkerzeneinsatz zu werden, wenn es das Thema “Kritik an der Polizei” berührt. “Eure Rede aber sei” …

Anscheinend müssen wir die Frage empirisch klären: Eigentlich könnten wir von der Fan-Ini uns ja auch mal eine “Sitzer absetzen”-Fahne basteln, schön mit unserem Logo in der Ecke, und die vorne an den “Zaun” hängen. Und dann einfach mal gucken, ob die hängen bleiben darf. So langsam bekommen wir so richtig Lust darauf, denn wo Worte erkennbar versagen, müssen Taten sprechen, heißt es doch. Ist uns aber irgendwie auch zu blöd. Wir werden weiter auf Worte setzen – auf klare Worte. Und wir bleiben im Dialog mit dem Vorstand des Vereins und dessen Angestellten, auch wenn es wie in diesem Falle unbefriedigend endet.

Es ist unsere Überzeugung: Die Feder ist mächtiger als der Schlagstock. Und darum ceterum censeo “SITZER ABSETZEN!” Karthago ist übrigens gefallen.